Zurückgenommen *

Die Witwe

Sie hat sich stets zurückgenommen,
auch schon als Kind, so sollt es sein.
Die Eltern wurden ernst genommen.
Sie war das Kind, sie war so klein.

Bescheiden sollte sie im Leben
und höflich sein zu jedermann.
Sie sollt nicht nehmen, sollte geben,
denn jeder gibt, soviel er kann!

In diesem Geist ganz streng erzogen,
blieb sie ein Leben lang bescheiden.
Sie diente nur, blieb stets gewogen.
Die andern waren zu beneiden.

Ein jeder fand es völlig richtig,
das sie für alles g'rade stand.
Nur sein Belang war immer wichtig.
Ihr Wunsch wies man stets von der Hand.

Dann mit der Zeit älter geworden,
wollte sie auch endlich was für sich,
ein wenig Freiheit, keine Sorgen,
den Sessel, Fernsehen, einen Tisch.

"Wozu brauchst Du die ganzen Sachen?
Du hast doch alles. Sei so nett,
Du könntest mir 'ne Freude machen,
schenk mir das schöne Amulett."

Da endlich sah sie wie im Leben,
die andern nehmen, rücksichtslos.
Sie sollte geben, geben, geben.
Sie setzte sich, ganz fassungslos.

Seither lebt sie in neuen Kreisen,
nahm sich zurück, was ihr gehört.
Genießt den Sessel, geht auf Reisen
fühlt sich befreit und ungestört.

   © CH

[* Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors]

2 Antworten zu “Zurückgenommen *”

  1. Matthias sagt:
    www.gravatars.com

    “Seither lebt sie in neuen Kreisen,
    nahm sich zurück, was ihr gehört.
    Genießt den Sessel, geht auf Reisen
    fühlt sich befreit und ungestört.”

    Sehr fein!

  2. Gerlinde sagt:
    www.gravatars.com

    Prima, da besteht ja noch Hoffnung für mich *lol*

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