Willis Schlafplatz

Die Geschichte, die sich so oder ähnlich wirklich in unserer Familie zugetragen hat, spielt irgendwann in den Anfängen des letzten Jahrhunderts, als der olle Zille, der das Berliner Miljöh hervorragend zu Papier brachte, noch lebte während Claire Walldorf und Otto Reutter es besangen.

Hauptdarsteller dieser Geschichte ist der Jüngling Willi, ein braver Berliner Frisör, der bei einer Witwe in der Hauptstadt ein möbliertes Schlafkämmerchen angemietet hatte.

Neben dem Bett ein kleines Schränkchen, in dem Willi die linke Seite zugewiesen bekam um seine Habe unterzubringen, rechter Hand war für die Witwe bestimmt. An der Wand eine etwas größere, blinde Spiegelscherbe vor der Willi sich nass rasierte. Der Waschstuhl vor dem Bett diente tagsüber als Sitzgelegenheit für Gäste, Nachts legte er seine Hose, Hemd und Sakko sowie seine Armbanduhr darauf ab. Das Bad, bestehend aus Klobecken und kleinem Handwaschbecken, ging vom Treppenhaus ab und befand sich eine halbe Treppe tiefer. Damenbesuch war strengstens verboten.

Willi war froh eine Bleibe gefunden zu haben die seinem schmalen Budget entsprach. Seine Ansprüche hielten sich in Grenzen, lediglich ab und an leistete er sich einen Kinobesuch oder ging mit Freunden zum schwoofen.

Willi träumte von besseren Zeiten: Irgendwann würde er eine nette kleine Frau kennenlernen. Eine, die kochen und backen konnte… und mit der würde er dann in eine schöne Wohnung mit eigener Badewanne am Stadtrand ziehen, Kinder kriegen… Solange und dafür sparte er.

Durch seinen Beruf hatte Willi einen geregelten Tag. Morgens ging er fröhlich pfeifend zur Arbeit und Abends kam er erst recht spät heim, denn Willi legte den langen Weg zur Arbeit aus Kostengründen zu Fuß zurück. Meist fiel er dann Abends totmüde in sein Bett.

Alles war geregelt… und trotzdem: Irgendwie wurde Willi in seinem Kämmerchen nicht richtig heimisch, irgendetwas war seltsam. Er konnte es nicht benennen weil es nicht greifbar war, aber das komische Gefühl blieb, wurde sogar stärker… Warum konnte er dieses Zimmer nicht als seines annehmen?

Die Antwort erhielt Willi just an dem Tag, an dem er wegen einer Unpässlichkeit eher von der Arbeit kam. Er schleppte sich den langen Weg nach Hause, hatte Fieber, quälte sich die Holzstufen, die unter ihm knarrten, ins Dachgeschoss hoch und freute sich auf sein Bett. Gleich, gleich würde er sich hineinfallen lassen können… 

Er steckte den Schlüssel ins Schloss, öffnete die Wohnungstür, ging über den ersten Flur durch das Durchgangszimmer, den langen zweiten Flur entlang… und drückte die Klinke zu seinem Kämmerchen nieder. Und schlagartig wurde ihm klar, warum er sein Zimmer nicht annehmen konnte:

In seinem Bett lag einer. Die geldgierige Witwe hatte doppelt vermietet. Deswegen also roch das Bett immer so komisch….

Eine Antwort zu “Willis Schlafplatz”

  1. Dirk Frieborg sagt:
    www.gravatars.com

    Sowas war Ende 1800 in Hamburg z.B. gang und gäbe.
    Schlafgänger nannte man die Mieter, die wirklich nur stundenweise Bett und eine Waschgelegenheit hatten, und das schichtweise. Bei geschickter Ausnutzung konnte man so ein Bett an einem Tag an drei Personen vermieten, je nachdem, wie die Schichtenlagen.

    Im Gegensatz dazu nannte man die “Vollmieter” Kostgänger. Sie hatten das Bett bzw. den Raum für sich allein zur Verfügung und bekamen Verpflegung.

    Mehr Info:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Schlafbursche

    Mit dem Schlafgängertum kannst Du ja demnäxt reale Bekanntschaft schließen, denn Du bist laternich nicht die _einzige_ Mieterin unseres schmucken Keller-Appartements.
    (Die Handtücher tauschen wir einmal pro Woche, je nachdem, wann Waschtag ist – oder mit denen von Deinem Mitmieter.) :mrgreen:

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