Socken stricken
Ich ging in die fünfte Klasse dieser Grundschule in Berlin- Rudow, von der ich ja schon berichtet habe. Damals herrschte noch Zucht und Ordnung, die Mädchen und die Jungen hatten getrennten Sportunterricht und “Werken” und “Handarbeiten” waren geschlechterspezifische Fächer, welche die Klasse ebenso in Jungen und Mädchen unterteilte.
Was die Jungens damals gebastelt haben? Keine Ahnung, denn kein Mädchen wollte damals mit denen reden, die waren alle doof und so kicherten wir Mädchen nur, wenn sie in unsere Nähe kamen und rannten weg. (Später rannten die Jungen hinterher und wie spielten “Abgreifen”, aber das ist eine andere Geschichte…)
Wir Mädchen strickten Socken, d.h. wir sollten welche stricken. Mit 5 (!) Nadeln, die weder Anfang noch Ende hatten, wodurch ständig Maschen fielen, denn alle fünf Nadeln befanden sich gleichzeitig im Einsatz, respektive auf dem Boden.
Ich weiß nicht, wer von euch sich schonmal am Socken stricken versucht hat. Lasst es sein, es ist eine Form der Selbstkasteiung und wer darauf nicht wirklich steht, sollte die Hände davon lassen.
Wir strickten. Das gestrenge, schon etwas ältere (Jung?)- Fräulein P., unsere Handarbeitslehrerin, gab sich wirklich Mühe unsere verknoteten Finger wieder in ihre Usprungsform zu bringen und dabei parallel einen Socken entstehen zu lassen. Ich erinnere mich daran, wie mir die Wolle bei meinen Versuchen an den Fingern kratzte und beinahe die Haut abgeschürft hätte, so hart war sie. Aber Fräulein P. hatte nunmal echte Wolle als Material vorgegeben und Widerspruch gegen das Lehrpersonal seitens der Elternschaft war in der damaligen Zeit einfach undenkbar. So wurde dem Wunsch des Frolleins auf billigste Weise entsprochen, was sich natürlich in der Wollqualität äußerte. Und an meinen Fingern eben…
Zur Fertigstellung der Socken (natürlich paarweise) war ein halbes Jahr veranschlagt. Bei wöchentlich 2 Stunden Unterricht, abzüglich Ferien, Krankheit und Schwänzen kam man auf schätzungsweise 25- 30 Unterrichtseinheiten.
Es gab tatsächlich Streberinnen, die dies schafften. Ich gehörte nicht dazu. Nein, ich wollte keine Streberin sein! Nie im Leben nich! Also schaffte ich es in dieser Zeit einen Dreiviertelsocken zu stricken. Das Frollein war davon nicht besonders angetan, ich bekam eine herzhafte fünf auf dem Zeugnis. Ganz ehrlich: Das war mir egal. Wichtig war, das ich bewiesen hatte keine Streberin zu sein, Rückrat gezeigt hatte, meinen Ruf vertreten habe. Jawoll!
Ich will die Zeugnisgeschichte nicht lange ausbauen. Meine Eltern waren unzufrieden mit mir. Besonders Mutti, die sich immer eine Tochter gewünscht hatte mit der sie an kalten Winterabenden am wärmenden Kachelofen sitzen und… ja: Socken stopfen konnte! Getreu dem Motto: Wenn die bösen Buben locken, bleib zuhaus und stopfe Socken!
Ich hörte lieber auf den Ruf der Buben… Und so geschah es, das dieser Dreiviertelsocken jahrelang im Schubkasten einer Kommode im elterlichen Schlafzimmer lag. Nicht, ohne ab und an erwähnt zu werden. Ich glaube der Grundstock für meine Klatsche wurde damals gelegt.
Jahre später, ich bin inzwischen Zwanzig und gedenke zu heiraten, hat Mama eine Überraschung für mich. Sie hat den Dreiviertelsocken fertig gestrickt und den zweiten auch.
Leider sind die Zehen stark spitz auslaufend, denn sie wusste nicht, wie die Rundung an den Zehen gestrickt wird.
“Aber” sagt sie, “im Stiefel sieht das ja kein Mensch.”











31. Januar 2007 um 02:05
Schöne Geschichte.
31. Januar 2007 um 06:29
Ei Flöckchen, erkenn ich da die Arbeitssocken von meinem Mann ???
31. Januar 2007 um 08:02
Ich hatte mal in der 6ten Klasse Handarbeit gehabt, halbes Jahr das und andere dann Kochen. Konnte den Lehrer in Heimwerken nicht leiden und die Lehrerin möchte ich mehr.
Wir müssten ein Kissen in Tierform nähen mit der Hand. Hatte ein Krokodil gemacht. Leider gibt es nicht mehr und auch kein Bild. Glaub hatte da jedesmal ne 2 bekommen.
31. Januar 2007 um 08:13
Nähen hatte ich auch, und Kochen. Die Mädchen mußten dann mit den Jungs auch in die Holzwerkstatt! *g*
Gestrickt wurde bei uns nicht, aber dafür haben wir gelernt wie man eine Nähmaschine bedient (Autorennen damit fahren war viel interessanter) und wie man einen Knopf annäht. Letzteres kann ich sogar heute, nach 20 Jahren, noch!
31. Januar 2007 um 08:22
Unsere Handarbeitslehrerin hieß ‘das Fräulein Eigenbrot’ und der Artikel sagt es schon, äußerst sachlich und streng (eigenbrötlerisch eben).
Nur mußten wir (Gott sei Dank) keine Socken stricken, sondern schöne Stiche sticken… Meine Finger dankten es mir, als ich in der 7. zu Französisch wechselte!
31. Januar 2007 um 13:21
[...] Socken habe ich im Gegensatz zu Frau Flocke jedoch nie stricken müssen, vielleicht wurde es mir ja deshalb fürs spätere Leben nicht verleidet. Aber alle anderen Grausamkeiten des Handarbeitsunterrichts habe ich dafür durchleben müssen: Stickmustertücher und Nadelkissen (genäht, gehäkelt und gestrickt) anfertigen, eine Küchenschürze und einen Klammerbeutel nähen und Ähnliches. Socken stopfen, Knöpfe annähnen, verschiedene Säume nähen, Reißverschlüsse einnähen und Knopflöcher herstellen standen ebenfalls auf dem Stundenplan. Meine ersten Maschinennähversuche machte ich sogar noch an so einer altmodischen Tretnähmaschine, wie sich sie heute ausschließlich als Erinnerungsstück an meine Oma und zur Dekoration im Wohnzimmer stehen habe. [...]
31. Januar 2007 um 14:57
Hort sich nach Zone na. Ich hatte auch Handwerken, mit den Jungs zusammen. Man konnte ein und dasselbe Werkstück immer weiterreichen und jeder wurde dafür anders benotet. Und Schulgarten gabs als Unterrichtsfach. Ja, damals hat die wirklich praktischen Dinge noch in der Schule gelernt.
31. Januar 2007 um 15:03
Zonis waren gleichberechtigt, da haben die Mädchen auch mitgewerkt. Handarbeit war für beide Geschlächter optional.
31. Januar 2007 um 15:12
Interessant eure Geschichten zu dieser Thematik zu lesen.
Noch interessanter eigentlich, wie sich hier schon Unterschiede in der staatlichen Erziehung von Ost- und Westkindern abzeichnen.
31. Januar 2007 um 15:19
Zumal Frau Flock ja sicher erst nach dem Mauerfall die Schue besuchte.
31. Januar 2007 um 15:19
Ich bin da gänzlich ungebildet… alles, was ich mitm Akkuschrauber kann, hab ich autodidaktisch gelernt
31. Januar 2007 um 15:25
Na Schatz, sooo jung bin ich ja nu auch nicht mehr
31. Januar 2007 um 18:27
Nich?
Ich hätte schwören können…
31. Januar 2007 um 21:09
Ich wurde damals im Handarbeitskurs in die Geheimnisse der Nähmaschine eingeweiht. Theoretisch zumindest. Mir war schon allein das Faden einfädeln (drüber, drunter, durch) zu hoch. Genäht werden sollte ein Turnbeutel. Eigentlich nur gerade Nähte, noch dazu auf kariertem Stoff, der die Nähfahrbahn eigentlich gut vorgibt. Naja, nachdem mir jemand anders den Faden eingetüdelt hat, bin ich auf dem Stoff eher Schlangenlinien gefahren. Pffft …. mir doch egal. Sport fand ich sowieso doof, was soll ich da mit ‘nem Turnbeutel?
1. Februar 2007 um 00:19
In meiner Schule war ich die Erste die anstatt Handarbeit und Kochen lieber Werken gewählt hat … und wisst ihr was … ich war da die Henne im Hahnenkorb … Geil!