Der Wahrsager, Teil 2
Nein, Flocke! NEIN!!
Dummes Gewissen! Stell Dich nicht so an! Ich mache hier, was ICH will!
Meine linke Hand wandert wie durch Zauberhand gesteuert in die geöffneten Hände meines Gegenübers. Ich habe keine Angst. Fühle mich einfach nur magisch angezogen von diesen braunen Augen, empfinde die Berührung unserer Hände als angenehm. Äusserst angenehm…
In diesem Augenblick hätte man mir den Laden ausräumen können. Absolut nichts hätte ich mitbekommen. Zugeschaut hätte ich…
Langsam, sehr langsam streichelt er die Innenflächen meiner Hand, sein Blick fixiert mich weiter…Für den Laden unbekannte Gefühle durchfluten mich…
Er bricht den letzten Widerstand in mir, indem er meine -doch noch sehr leicht geschlossene- Hand endgültig öffnet, ganz einfach indem er sie weiter streichelt… Ich fühle mich nackend und absolut willenlos…
Nun kommt sein Zeigefinger zum Einsatz. Zwischendurch sucht er immer wieder meinen Blick.
Jaa, ich bin doch hier!!
Langsam, unglaublich langsam zeichnet er die Linien meiner Herzlinie nach. Er erklärt mir in sanften Worten was er macht…und flüstert nette Sachen. Von wegen warmherzig, verlässlich, geradlinig und von innerer Schönheit.
Ein kalter Schauer läuft mir nun endgültig den Rücken runter, während er in meiner Lebenslinie nach meiner Vergangenheit forscht. Hier fallen Worte wie: Sie kommen aus einem guten Stall…
(Spätestens an dieser Stelle hätte ja nun mein Verstand mal einsetzen müssen: "Sag mal, Du bist doch kein Pferd?!?", aber den hat dieser Fremde offensichtlich auf längeren Urlaub geschickt.
Ich hänge völlig fest. Obwohl ich, offen gestanden, mit Bondage nix am Hut habe.
Meine Hand liegt noch immer willenlos auf dem Verkaufstresen. Er wandert mit seinem Zeigefinger weiter, sagt Sachen die mich nun wirklich verblüffen. Er liest in meiner Hand Dinge, die er wirklich nicht wissen kann. Dinge, über die ich normalerweise nicht rede. Als Beispiel möchte ich hier wirklich nur die Anzahl meiner Schwangerschaften anführen, ohne jedoch näher darauf einzugehen. Ich glaube schon lange nicht mehr, was ich gerade erlebe und warte auf den Moment, da ich aufwache.
Nix is, von wegen aufwachen. Er wandert nun die Lebenslinie in die entgegengesetzte Richtung, erzählt was von Zukunft, wird sehr ernst. Noch ernster.
Er tastet nocheinmal intensiver über den letzten Zentimeter, will sich offenbar vergewissern, ob er richtig gelesen hat. Hochkonzentriert überprüft er die Stelle ein drittes Mal.
Ich blicke ihm die ganze Zeit über in die Augen, beobachte seine Lippen beim Sprechen. Ich werde unruhig. Irgend etwas stimmt hier nicht…











22. Oktober 2006 um 23:54
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