Liebe Frau W.,
bei Ihnen läuft gerade eine nette Diskussion über das Soll-Haben-Verhältnis der modernen Frau bezüglich der ihr zuzuordnenden Kinderzahl in unserer Zeit.
Ich hatte angedacht, einen Kommentar bei Ihnen zu schreiben. Dabei wurde mir bewusst wie viel ich doch zu dem Thema zu sagen zu haben meine, und deswegen gibts von mir hier einen eigenen Beitrag in Ihnen hoffentlich würdiger Länge.
Die Zeiten, in denen Familien mit fünf und mehr Kindern zur bürgerlichen Normalität gehörten sind vorbei. Damals wurden oftmals Kinder gezeugt weil billige Hilfskräfte bei der Landarbeit gebraucht wurden, es gab aber auch so gut wie keine Verhütungsmittel, bzw. waren die relativ unsicher. So jedenfalls in etwa die Worte meiner seeligen Großmutter mütterlicherseits. Ich erinnere hier an Knaus- Ogino.
Mit der Industrialisierung am Anfang des letzten Jahrhunderts und der Pille in den 60-igern wurden immer weniger Kinder geboren (Pillenknick) und heute werden Frauen mit 4 Kindern schon oft als asozial angesehen.
Ich habe auch nur den Lieblingssohn. Der ist aber absolut perfekt. Warum soll ich da noch mehr Kinder in die Welt setzen?
Aber lassen Sie mich der Reihe nach berichten:
Ich erinnere mich gut an die Worte meiner Mutter als sie mit meinem kleinen Bruder schwanger war. "Jetzt kannst Du keinen ganzen Apfel mehr bekommen, jetzt musst Du teilen!" Mir hat dieser Spruch nicht weh getan und ich habe wirklich immer gerne mit meinem Bruder die Äpfel geteilt.
Trotzdem: Jedes Kind verursacht Kosten. Kosten, die nicht zu unterschätzen sind. Will heißen, dass sich mit jedem Kind die Kosten potenzieren. Klar, die Klamotten können weitergereicht werden (sofern es sich um das gleiche Geschlecht handelt sogar zu 100%). Trotzdem kosten Windeln, Nahrung, Bettchen u.s.w… Bei vielen jungen Paaren können diese Kosten in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit nicht abgefangen werden.
Sie berichten über nervige Fragen nach dem 2. Kind, denen Sie gegenüberstanden. Liebe Frau W., ich kenne das! Sie sind wirklich nicht alleine, ich fühle mit Ihnen! Der Lieblingssohn war noch keine 4 Wochen alt, da gings schon los. Ich hab damals gesagt das frau in den ersten 6 Wochen nach der Geburt keinen Sex haben sollte und somit auch schwer schwanger werden kann. Ich würde aber sofort Bescheid geben, wenn ich mit meinem Mann beizuschlafen gedenke. Der alten Dame, die vorher so debil "Hutzi-Butzi-Bautzi-Duh!" gemacht hatte, entglitten die Gesichtszüge. Was n göttlicher Anblick!
Wissen Sie, liebe Frau W., was mir noch aufgefallen ist? Die vielen gut gemeinten Erziehungsratschläge, die ich von eben jenen "Hutzi-Butzi-Bautzi-Duh!"- Tanten noch gratis dazu bekam. Die "besten" Ratschläge kamen übrigens von ollen Jungfern, die keine eigenen Kinder hatten. Wahrscheinlich war ihnen die Machart zu suspekt…
Wir haben heute die Möglichkeit Kinder zu "planen", hierbei spreche ich ausdrücklich von Verhütungsmitteln. Abtreibung ist sicher eine weitere Alternative, die ich aber bei Interesse gerne separat diskutieren würde…
Wir haben, rein theoretisch, die Möglichkeit nur Wunschkinder in die Welt zu setzen. Wie genial! Wissen Sie, Frau W., ich denke Wunschkinder sind die glücklicheren Kinder. Welch Unterschied, einem Kind mit ruhigem Gewissen sagen zu können "Wir wollten Dich ganz doll haben!" oder "Eigentlich wollten wir Dich nicht!" oder schlimmere Formulierungen, von denen ich schon hörte. Ich denke, sowas wirkt sich auch auf die seelische Entwicklung eines Kindes aus.
Wissen Sie, wir haben uns bewusst für ein Einzelkind entschieden. Genau wie Sie. Das ist vollkommen in Ordnung und wir bereuen nichts. Wir lieben unser Superkind mit einer Inbrunst, die wir niemals wie einen Apfel teilen könnten…
Freundliche Grüße aus der Drei-Raum-Wohnung
von der Ein-Kind-Mutter
