Berlin und die “Öffentlichen”

"Scratching" nennt sich die moderne Form des Graffity. Nach zahlreichen Schmierereien  mit mehr oder weniger künstlerischem Hintergrund kam man in Berlin und anderswo auf die Idee Scheiben auf öffentlichen Geländen zu zerkratzen. Das ist -gegenüber dem Graffity, das inzwischen relativ leicht zu entfernen ist- dauerhaft.

Ich gebe es zu: Ich hab mich mit der "Scene" nicht näher beschäftigt. Motive und Hintergründe sind mir also schleierhaft und mein Wissen hierüber basiert bestenfalls aus den Schlagzeilen einschlägiger Tageszeitungen, deren Headline ich im Vorübergehen erhaschen musste.

Trotzdem, oder gerade wegen meiner Unbedarftheit, möchte ich das Thema an dieser Stelle einmal aufgreifen und die Gefühle beschreiben, die ich in mir spüre wenn ich derartiges sehe. STOP! Derartiges? Artig ist es sicher nicht, unsere Kinderstube sollte uns anderes vermittelt haben als das Eigentum anderer Leute zu zerstören. "Sachbeschädigung" heisst das wohl auf juristisch und wird entsprechend geahndet.

Da wird gesprüht, gemalt und gekratzt was Büchse, Filzer oder spitze Gegenstände zulassen. Doch der Reihe nach:

Es gibt durchaus Graffity, die auch ich für Kunst halte. Die East-Side-Gallery in Berlin gibt hier wirklich hervorragende Einblicke in die Möglichkeiten mit Farbe bewaffnet künstlerisch tätig zu werden. Im gesamten Stadtgebiet sind Flächen für eben jene Sprayer freigegeben, an denen sie nach Lust und Laune ihrem Hobby nachgeben können. Kostenlos und straffrei. Einziges Risiko: Das Kunstwerk könnte morgen schon von einem Kollegen übermalt worden sein.

Ein Bäcker in der Spandauer Altstadt hat an einem Teil Mauer, die zu seinem Laden gehört, vor Jahren schon ein Motiv sprühen lassen das eine Landschaft mit Kornfeldern zeigt. Absolut thematisch passend, gut gesprüht und durchaus werbewirksam. Eine Graffity über die ich mich regelmäßig freue…

Zum Scratchen werden spiegelglatte Flächen benötigt. Da die gescratchten Motive auch möglichst groß und auffällig sein sollen, bieten sich hier besonders große Scheiben an, wie sie in U-, S- und Ringbahnen zu finden sind. Busse bieten auch eine gute Fläche, allerdings ist der Busfahrer immer in mittelbarer Sicht-Nähe und kann den Vorfall über Funk melden…

Seit einiger Zeit werden in Berlin nun die Fenster zerscratchter Beförderungsmittel durch Neue ersetzt. Zug um Zug, nicht Scheibe um Scheibe. Wir sind Hauptstadt, wir kleckern nicht, wir klotzen! Ich hab mal ein Foto von so einer neuen U-Bahn-Scheibe gemacht:

Sieht chic aus, nich?  Lauter niedliche, kleine Brandenburger Törchen zieren nun immer mehr Züge des ÖPNV in der bundesdeutschen Hauptstadt! Durch diesen absolut klugen Schachzug verantwortlicher Mitarbeiter sollen also die Scratcher vom scratchen abgehalten werden… (Memo an mich: Michi um ein "Holzauge-sei-wachsam-Smilie" bitten)

Ich will die daraus resultierenden Mehrkosten garnicht wissen. Nein, ehrlich: Ich kann ohne dieses Wissen wesentlich besser schlafen. Wüsste ich das nämlich müsste ich mich fragen warum -auf der Linie 2 beispielsweise, die City- Ost und City-West verbindet, also reichlich Touristen befördert werden- alte, abgelutschte, dreckige  mistige und nicht fachgerecht reparierte  U-Bahn-Waggons im Einsatz sind.

"Wahrscheinlich aus Kostengründen" meinen Sie?… hmm… mag sein, aber wie ich Eingangs schon sagte: Ich hab da keine Ahnung, ich fühl mich hinter diesem bedruckten Glas nur irgendwie unwohl, weil mir die freie Sicht fehlt. 

Ja, Berlin ist arm. Aber sagenSe mal ehrlich: Finden Sie DAS sexy?

Man könnte ja die Fenster auch vergittern, dann kommt keiner mehr so richtig ran. Müssen halt nur möglichst eng sein, die Gitterstäbe… und hätte den Vorteil, das die Täter gleich da sind wo sie hin gehören…

9 Antworten zu “Berlin und die “Öffentlichen””

  1. aga80 sagt:
    www.gravatars.com

    Ja das mit dem Scratschen habe ich vor Jahren schon mal gehört , damals haben die Jungs von der Berliner Hochbahn noch versucht , dem Zerkratzen , mit Folien entgegenzustellen , die Technik wird übrigens auch heute noch bei Schaufenstern zum Schutz vor Kratzern und Einbrechern angewendet.

    Die neuen Motive sind ja ganz nett , aber mich würden die schon stören , wenn man nicht mehr vernünftig nach außen schauen könnte .
    Ich hoffe einfach mal hier in München lässt so was noch lange auf sich warten … . :neutral:

  2. AndiBerlin sagt:
    www.gravatars.com

    Es handelt sich mitnichten um neue Scheiben, sondern um Folien die über die Scheiben geklebt werden.
    In jedem U- und S- Bahnwagon sind mittlerweile Folien über die Scheiben geklebt. Das hat den Vorteil, das man im Falle einer Beschädigung durch das “Scratching” einfach nur die Folie anstatt der kompletten Scheibe wechseln muß.
    Ende letzten Jahres ist man bei der BVG aber dazu übergegangen die Folien gegen bedruckte Folien auszutauschen, wohl um das zerkratzen ganz zu unterbinden.
    Wirklich schade das wir so weit gehen müßen, nur weil es zahlreiche Idioten gibt die keine vernünftige Erziehung erfahren haben, oder weil ihnen in unserer Gesellschaft das “ist ja eh egal” vorgelebt wird.

    Ich meine, es ist schon merkwürdig das diese Form des Vandalismus in meiner Teenagerzeit bis anfang / mitte der 80′er vollkommen unbekannt war und nun findet man keinen Wagon der nicht beschmiert oder wo die Scheiben nicht zerkratzt sind.

    Es fällt mir schwer zu verstehen warum man so etwas macht. So langweilig kann doch keinem Teenager sein, das er sich an öffentlichen Einrichtungen vergreift. Aber wenn ich dann wieder Bus und Bahn zur Arbeit nutze, werde ich immer wieder vom gegenteil überzeugt. Meine Eltern hätten mir die Hammelbeine lang gezogen, wenn ich so etwas gemacht hätte! Nun ja, sie haben auch schon früh angefangen mir zu erklären das man Eigentum anderer zu achten hat.

    AndiBerlin schrieb zuletzt Windig

  3. Charisma sagt:
    www.gravatars.com

    Puhh – das wird nicht lange dauern und es ist hier in Frankfurt auch Mode … :roll:
    Wenn ich mir lauter kleine Römer(*) auf der Scheibe vorstelle – neee, das ist keine Lösung! :shock:

    (*) Römer = Rathaus von Frankfurt/Main mit typischer Fassade

    Charisma schrieb zuletzt Rod Stewart

  4. CeKaDo sagt:
    www.gravatars.com

    Wenn sich alle (ich betone mal “alle”) Passagiere aufraffen würden und aufmerksam den scratchenden Personenkreis beobachten und ansprechen würden, gäbe es kein Scratchen mehr. Es schauen jedoch alle weg und haben Angs, ein paar auf´s Maul zu bekommen. Sie schlucken die Fahrpreiserhöhungen mit Gemaule und machen letztendlich nichts dagegen.

    Ich zeige jeden Scratcher, jeden der taggt (mit Edding bemalen oder bemalte Aufkleber anpappen) und jeden der Graffiti sprüht unverzüglich an. In meinem Handy sind die Notrufnummern der Verkehrsbetrieb und der Bundespolizei gespeichert und ich rufe sofort an, wenn Täter aktiv werden. Damit sie noch geschnappt werden, bevor sie den Zug oder die Bahn verlassen.

    Solange alle wegschauen, können wir Erwachsenen rumnölen wie wir wollen. Die Regeln bestimmen dann die zukünftig die Täter, nicht wir. Über mangelnde Zivilcourage kann ich mich tierisch aufregen. Ich verlange von niemandem, dazwischen zu gehen. Aber anzeigen und um Hilfe rufen kann jeder!

    CeKaDo schrieb zuletzt Vollmond und Katzen

  5. Flocke von Kroetengruen sagt:
    www.gravatars.com

    @ aga: Hofbräuhaus oder Marienkirche? Ich bin für Volksabstimmung! :cool:
    @ Andi: Das mit den Folien wusste ich nicht. Danke für die Info. Trotzdem ein Kostenfaktor, meine ich… :sad:
    @ Charisma: Ich muss gerade an die nassen Pariser denken, wenn man bei Regen aufm Eifelturm steht und runter guckt… :mrgreen:
    @ CeKaDo: Ich habe das in den vielen Jahren, die ich hier in B mit den Öffentlichen fahre, noch nie erlebt einen Täter auf frischer Tat zu ertappen. Vermutlich sachbeschädigen die, wenn ich keusch und mit rosa Rüschennachthemd… also Nachts… und so… :oops:

  6. Matthias sagt:
    www.gravatars.com

    Die Straßenbahnfenster in Mannheim sind mit Werbung zugeklebt, da wären mir solche Zeichen wie in Berlin lieber. :D

    Matthias schrieb zuletzt yasni, 123people, stayfriends, amazon & Co

  7. Thomas sagt:
    www.gravatars.com

    Die von CeKaDo angesprochene Zivilcourage lässt leider sehr zu wünschen übrig. Eine landläufige Haltung von Beobachtern ist auch, “ich misch mich da nicht ein, da ruft schon ein anderer an…!” Und somit ruft halt dann keiner an. Gibt es in den Bahnen von Berlin keine Videoüberwachung der Waggons? Das ist nicht nur Abschreckung sondern gleichzeitig auch Hilfsmittel zur Aufklärung – hier in HH zumindest ist das so. Unbelehrbare, die auf alles pfeifen, die gibt es natürlich leider immer.

    Thomas schrieb zuletzt Ich bin Westfale, ich darf das

  8. Charisma sagt:
    www.gravatars.com

    Freifrau Flocke von und zu kroetengruen –
    isch bin entsezzz – in Pari denken wir an L’amour – die Liebe –
    nischt an Schaweinereien … :!:
    Unn in Frankfurd saache mer:
    so’n Schweinkram – habbe Se nix andersder im Kopp? :roll:
    Leuschnen Se ned – Sie, ja S I E habbe solsche Gedange … :cool:

    Charisma schrieb zuletzt Urlaub im Schnee

  9. Flocke von Kroetengruen sagt:
    www.gravatars.com

    @ Düsi: Das sind aber teildurchsichtige Folien, oder :?:
    @ Thomas: Einige Berliner Wagen sind Videoüberwacht. Ich glaube hier handelt es sich um ein gesamtdeutsches Problem das nicht unbedingt nur mit Zivilcourage zu beantworten ist. Omis ham numal Angst im Dunkeln. Außerdem ist wahrscheinlich das Strafmaß zu niedrig.
    @ Charisma: Phhh… :cool:

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