Berlin- Über das Leben in einer geteilten Stadt

Tonari sammelt Geschichten zum Tag des Mauerfalls am 9. November und ich als gebürtige West-Berlinerin will mich dieser Aktion nicht verschließen, letztlich habe ich bereits den Bau der Mauer miterlebt und kann jede Menge Geschichten davon erzählen.

Zur Einführung erzähle ich euch aber erstmal meine Geschichte als Wessinenkind in dieser geteilten Insel-Stadt:

Gerade hier, im ehemaligen West-Berlin, litten die Bürger nämlich besonders unter der Mauer (Video). Dies machte sich hauptsächlich bemerkbar wenn wir die eingemauerte Stadt verlassen wollten. Nach “Westdeutschland”, wie wir West-Berliner sagten, gab es nur 3 Zufahrtswege, die streng kontrolliert wurden und von denen man nicht abweichen durfte. Die Fahrt über diese Transitstrecken dauerte im Regelfall  etwa 4 Stunden und auf Einhaltung der StVO wurde strengstens geachtet, war es doch eine Einnahmequelle der DDR um an die heißbegehrte D-Mark zu kommen. Sogar die Dauer der Durchfahrtzeiten wurden notiert. Nach Ostdeutschland/Ost-Berlin durften wir nur mit einem Passierschein einreisen, dessen Beantragung allein schon mehrere Stunden Wartezeit einschlossen und der zeitlich begrenzt war. Nicht selten stand meine Mutter 5 und mehr Stunden in der Warteschlange, vor Weihnachten oft länger. Bei der Einreise durften wir dann auch noch “Mindestumtauschen”…

Die “Lieben von Drüben” hats gefreut, wenn wir dann vollgepackt mit West-Artikeln wie Kaffee, Strumpfhosen, Schokolade, Zigarren, Kugelschreibern, Bananen und Apfelsinen bei ihnen eintrafen. Wahrscheinlich hätten sie sich auch ohne das alles gefreut, aber da es sich dabei um Mangelware in der DDR handelte, freuten sie sich wahrscheinlich besonders. Den Mindestumtausch haben wir ihnen auch da gelassen.

Ich erinnere mich 1975 auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz mit meiner Ost-Tante, bei der ich gerade zu Besuch war, nach Weintrauben angestanden zu haben. Die Schlange der Wartenden stand in keinem Verhältnis zum -völlig überteuerten- Angebot. Ost-Berlin, als “Hauptstadt der DDR” verfügte noch über eine recht breite Angebotspalette, hierher kamen ja auch viele Ausländer, die von der tatsächlich existierenden Warenknappheit nichts wissen sollten. Das war in West-Berlin ganz anders, denn hier gab es genügend Ware jedweder Art für Alle. Allerdings hatten wir auch oft nicht das nötige Kleingeld um diese zu erwerben.

Eines will ich nicht verheimlichen, nämlich dass die Mauer auch was Gutes hatte: Man konnte sich hier in West-Berlin nicht verlaufen. Länger als ne Stunde brauchte man mit dem Auto von einem Ende der Stadt bis zum Anderen kaum, Navigationsgeräte wären in den Läden wie Sauerbier liegen geblieben. Aber die gabs ja auch noch nicht…

Fast vierzig Jahre lang, vom 13. August 1961 bis zum 9.November 1989, lag West-Berlin im Dornröschenschlaf. “Selbstständige politische Einheit West-Berlin” nannte die DDR- Regierung unsere kleine Inselstadt, wogegen unsere Bonner Regierung protestierte. Es herrschte der “kalte Krieg“, vor dem auch wir Kinder nicht verschont blieben.

Aber wir gewöhnten uns an alle Besonderheiten dieser Stadt:  an die vielen jungen westdeutschen Männer, die hierher zogen weil in West-Berlin nicht zur Bundeswehr gezogen wurde, wir lernten mit den Schüssen an der Grenze zu leben, die auf fluchtwillige Ostler abgegeben wurden die immer wieder versuchten West-Berlin zu erreichen. Die zahlreichen Fluchtgeschichten füllen ganze Bücher, Fluchthelfer kamen auf die verwegensten Gedanken und holten viele Fluchtwillige  ”nach Drüben” in den Westen. Wir gewöhnten uns nie an die Schlagzeilen über geglückte und gescheiterte Fluchtversuche, waren jedesmal aufs Neue erfreut oder auch niedergeschmettert..

Es gab so viele Mauertote, zu viele, viel zu viele…

Aber an die nicht existierende Sperrstunde, die es im Ostteil der Stadt sehr wohl gab, gewöhnten wir uns. Gerne sogar. West-Berlin hatte Open End und besonders als Jugendliche hätte ich das auch gerne genossen, meine Eltern haben dem jedoch entgegengewirkt. Da die Volljährigkeitsgrenze damals noch bei 21 Jahren lag, musste ich mich ihrer Autorität wohl oder übel beugen…

Ich sag Ihnen mal was: Ich hatte trotzdem Sex… und wurde Mutter. Gebar den Lieblingssohn und verzog ihn in dieser  Stadt zu einem wunderbaren Menschen. Die zweite Generation in dieser immernoch geteilten Stadt wuchs heran…

Teil II: Der Tag, an dem die Mauer fiel

5 Antworten zu “Berlin- Über das Leben in einer geteilten Stadt”

  1. tonari sagt:
    www.gravatars.com

    Guck mal an, bei dem Thema hat es Deinen sonst-immer-Kommentatoren doch glatt die Sprache verschlagen ;-)
    Oder aber sie warten gespannt auf die Fortsetzung…
    Danke jedenfalls, dass Du mit machst. Interessanterweise sind kaum “Ossis” unter den bisher Beteiligten.

  2. Flocke von Kroetengruen sagt:
    www.gravatars.com

    @ tonari:
    Ich denke das Thema ist immer noch schwierig. Die Mauer in den Köpfen ist eben doch noch präsent, wenngleich sie auch langsam bröckelt.

    Gerade hier in Berlin (und damit meine ich Ost- und West-Berlin) haben wir aufgrund der geografischen Lage und des “Haupststadt-Bonus” Ost-Berlins, vieles erlebt das uns politsich geprägt hat. Ich habe diese Geschichte zur Einführung geschrieben weil ich meine, dass die Kopf-Mauer nur zum Fallen zu bringen ist, indem man über seine Erfahrungen berichtet, und zwar Hüben wie Drüben. Unsere Lebensläufe haben sich 40 Jahre in verschiedenen Staaten entwickelt, entsprechend entwickelten wir auch unterschiedliche Weltanschauungen. Einander da zu verstehen geht nur mit schonungsloser Offenheit. Ich habe mich darum bemüht und werde im 2. Teil sogar Dinge von mir preisgeben, die bestimmt nicht jeder verstehen wird, ich selbst heute auch nicht mehr so wirklich. Aber sie gehören halt zu meinem Leben…

    Ihr dürft also gespannt sein ;-)

  3. AndiBerlin sagt:
    www.gravatars.com

    Hier und da findet man bei mir im Blog auch den einen oder anderen Beitrag wo es um das mein Leben als jugendlicher in Westberlin geht (wie zum Beispiel meinen ersten und einzigen Besuch in Ostberlin), und auch vereinzelt Berichte über das jetzige noch andauernde Zusammenwachsen (immer wieder gern gelesen, der Beitrag mit dem Jägerschnitzel).

  4. Charis{ma} sagt:
    www.gravatars.com

    Ich bin gespannt auf den 2. Teil – momentan wird ja auch viel in den Medien über die Vorgeschichte berichtet. Aber Zeitzeugen sind authentisch und Du, liebes Flöckchen, schreibst korrekt und so herzergreifend … ;-)

  5. aga80 sagt:
    www.gravatars.com

    Danke für so einen schönen emotionalen Text.

    Ich kann mich an Berlin noch als kleiner Junger erinnern.
    Es gab für einen DDR Bürger einfach mehr , es gab vieles in den Geschäften, das man einfach zu Hause nicht oder nur mit Beziehungen bekommen hat.
    Für einen kleinen Jungen waren natürlich die Museumsinsel, der Telespargel,der Wachwechsel an der ewigen Flamme faszinieren, auch wenn ich damals bei vielem einfach die Bedeutung nicht einschätzen konnte.
    Aber ich kann mich heute noch daran erinnern, wie mir mein Vater als 5 Jährigem erklären musste, das ich nicht einfach durch das Brandenburger Tor gehen könne und dürfe.
    Nach der Wiedervereinigung war ich noch 5 mal in Berlin und es 4mal wegen bautechnischer/reco/restaurierungs Arbeiten gesperrt und 1mal hatte ich keine Zeit.
    Oh Brandenburger Tor ich habe dich nie durchschritten *schnief* :sad:

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