Die Plastikteile am Nasensteg meiner Brille neigen zum grünlich anlaufen, vermutlich eine chemische Reaktion auf meinen blaublütigen Schweiß, daher statte ich dem Optiker, der ”die hübschen Mädels hat”, alle paar Monate einen Besuch ab und lasse die Nippel austauschen.
Während ich also auf meine neuen Nippel wartete, schwebte eine eine echte Grand Dame auf dem Duft von Odeur Brûle in den Laden dieser Optikerdisountkette.
Unter ihrem großen roten, breitkrempigen Hut trug sie, neben pechschwarz gefärbten Haaren und jeder Menge abzubröckeln drohender Fassadenfarbe, eine bulgarische Designerbrille. Sie nahm sich nicht die Zeit, sich in die Schlange der Wartenden einzuordnen sondern schwebte direkt auf eine gerade freiwerdende Optikerin zu und bat mit ihrer tiefen, whiskeygeschwängerten Stimme und in einem Ton, der keinen Zweifel an der Dringlichkeit ihres Verlangens aufkommen ließ, um eine “Komplett-Reinigung” ihre Sehhilfe.
Die Optikerin, profihaft-freundlich, nahm die Brille entgegen, ging an das Brillen-Ultraschall-Reinigungs-Gerät, reinigte die Brille und kam zur Kundin freundlich lächelnd und Brille trocknender Weise zurück, überreichte ihr die Brille. Und jetzt, jetzt geschah ganz großes Kino: Die Dame schien irritiert und griff erstmal nach der Brille, auf die sie mit dem einen Auge blickte, während das Andere die Optikerin anvisierte. Dann hob sie an: “Hören Sie mal, ich hatte eine “Komplett-Reinigung” bestellt, putzen kann ich meine Brille alleine!”
Ehrlich gesagt hätte ich dafür eigens eingestelltes Personal bei ihr vermutet und war jetzt ebenso erstaunt wie die Optikerin, der nun das Lächeln aus dem hübschen Gesicht zu entschwinden drohte. Auf Nachfrage was denn die Kundin unter einer Komplett-Reinigung verstünde, wurde sie in etwa so belehrt: “Sehen Sie, zwischen Glas und Gestell befindet sich doch ein Höhenunterschied. Beim normalen Reinigen verbleibt immer ein kleiner Schmutzrest in dieser Rille. Ein Optiker muss doch in der Lage sein eine Brille fachgerecht in ihre Einzelteile zu zerlegen, die Teile einzeln zu reinigen und dann wieder zusammen zu setzen!”
Es war bühnenreif, dieses endgültige Entgleiten der Gesichtszüge dieser hübschen Optikerin. Auch ich musste grinsen und hätte die Kundin zum Zahnarzt geschickt, der hätte die Zahnzwischenräume gleich mit erledigen können. So aber erklärte die Optikerin selbstbewusst und mutig ihren fachlichen Unverstand betreffend dieses Problems.
Die Grand Dame entschwebte dem Optikerdiscountladen mit den Worten: “Dann bin ich hier wohl falsch!”
Etwas hat sie aber da gelassen: Die Wolke Odeur Brûle, die wahrscheinlich immernoch im Laden steht… 