Sie saß am Fenster und ihr fast leerer Blick wanderte durch den Regen hinunter zum Tal, fixierte das Haus mit dem roten Dach und der kleinen Luke darin. Sie seufzte und wischte sich verstohlen die Tränen aus dem Gesicht. Nun konnte sie wieder etwas klarer sehen und in Gedanken befand sie sich jetzt in dem kleinen Zimmerchen hinter der Luke. Aus der Dachschräge tropfte der Regen und fiel in den kleinen Emaille- Eimer auf dem sauber geschrubbten Dielenboden. Platsch, Platsch, Platsch…
Sie lächelte und erinnerte sich, seufzte wieder. Jemand stellte ihr ein Brettchen mit Schnittchen hin, mundgerecht geschnitten, denn ihre Zähne trug sie schon lange nicht mehr. Die klapperten beim Sprechen und störten, passten nicht mehr, seitdem das Zahnfleisch so weit zurückgegangen war… Aber ein Häppchen von diesem Leberwurstbrot, das ging auch ohne. Fast automatisch griff sie neben sich, führte ein Stückchen zum Mund, speichelte es gründlich ein… Die Gedanken gingen weiter zurück…
Kinderlachen unter der Dachluke. Piepsige Stimmchen, die vergnügt kreischen und eine tiefe Männerstimme, fast schon Bariton, dazwischen. Friedrich beim sonntäglichen Spiel mit den Kindern. Sie steht in der Küche, bereitet das Mittagessen vor, schmunzelt in sich hinein, freut sich über dieses intakte Familienleben… Deckt den Tisch, sie essen, sind fröhlich. Später ein Spaziergang, in Sonntagskleidung natürlich. Glückliche Jahre!
Ja, glücklich waren sie immer, auch wenn manchmal das Geld sehr knapp war. Friedrich war immer fleißig, hatte tausend Ideen um Geld "nebenbei" zu verdienen, war sich für nichts zu schade. Die Kinder und sie mussten nie hungern.
Später, als die Kinder schon aus dem Haus waren -der Junge lebte im Nachbardorf, wo er eine Schreinerei eröffnet hatte, und das Mädchen war im Schwarzwald verheiratet- später hatten sie dann die kleine Kammer an Urlauber vermietet, die sich in diese Gegend verirrten. Meist blieben die nur eine Nacht, waren auf der Durchreise in den Süden… Aber es brachte ein kleines Zubrot.
Reisen… Gereist waren sie nie. Waren aus der Enge des Dorfes nie hinausgekommen, nur ab und an sind sie in die nächste Kreisstadt gefahren um Besorgungen zu machen, Dinge anzuschaffen, die Frau Giesebrecht in ihrem kleinen Kolonialwarenladen, in dem sie anfangs immer anschreiben ließ, nicht führte. Aber dann waren sie Abends zurückgekommen. Über Nacht waren sie nur weg, als die Tochter geheiratet hatte. Zählte das?
Die Kinder würden heute noch zu ihr kommen, dann ginge es ihr bestimmt besser… Wie lange noch? Sie schaute auf die große Wanduhr, die unaufhörlich neben ihr tickte, ohne dabei wirklich weiterzugehen. Die Zeit kroch…
Der starke Regen hatte aufgehört, es nieselte nur noch ein wenig. Wie würde es morgen sein? Würde es morgen auch regnen? Würde der Himmel auch weinen, wenn sie Friedrich zu Grabe trugen???
Sie seufzte wieder und fiel in einen unruhigen Schlaf…